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Henrik, lyver du? in der Presse:

Bergens Tidende, Marie Aubert, 1.11.2006
Ibsen auf deutsch, bitte
Ein Dichter, der seit 100 Jahren tot ist, kann nicht „unglaublich aktuell“ sein, sagt Regisseurin Susanne Øglænd.

Morgen treffen sich Bergen und Berlin in ihrem Henrik, lyver du?. „In Norwegen ist Ibsen ein Nationalheld geworden, mit dem man nichts anstellen darf. Man geht davon aus, dass er unglaublich politisch, modern und aktuell ist. Ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass ein Mann, der 100 Jahre tot ist, so unglaublich aktuell sein kann“, meint Regisseurin Susanne Øglænd.
Die Rollen in Henrik, lyver du? Eine deutsch-norwegische Reise sind mit deutschen und norwegischen Schauspielern besetzt. Das Stück hat morgen als krönender Abschluss des Ibsenjahres am USF Premiere – präsentiert von BIT teatergarasjen. Es spielt in unserer Zeit, besteht aber zu 90% aus Ibsendialogen unterschiedlicher Stücke.

Dunkle Vergangenheit
„Die Art, wie Ibsen Menschen beschreibt, zeigt, dass er in seinem Jahrhundert feststeckt. Probleme wie die ‚Sünden der Väter’ in den Gespenstern, sind mir sehr fremd. Es galt herauszufinden, was komisch, altmodisch und fremd war und in welchen Stellen man sich wiederfinden konnte“, sagt die Regisseurin.
Die Schauspieler in Henrik, lyver du? sprechen sowohl norwegisch, als auch deutsch. Nichts wird übersetzt, aber eine Leinwand erzählt, wovon der Dialog handelt. Die Geschichte fängt damit an, dass zwei Deutsche nach Norwegen fahren und dort einem norwegischen Ehepaar und einem Dichter begegnen. Im Laufe eines Tages entdecken sie die jeweils fremde Welt. Dunkle Vergangenheiten werden enthüllt und Probleme in Paarverhältnissen tauchen auf. Das Stück wird in Bergen und Berlin in der gleichen Version gezeigt.
„Wenn man einen Film ohne Untertitel schaut, versteht man unglaublich viel – selbst wenn man die Sprache der Dialoge nicht versteht“, sagt die Regisseurin.

Wollte keinen Ibsen haben
Der Intendant der Teatergarasjen, Sven Åge Birkeland hatte eigentlich beschlossen im Jahr 2006 keine einzige Ibsenvorstellung zu zeigen. „Aber dann kam Susanne mit ihrer Projektbeschreibung, von der ich sagen kann, dass sie zum Interessantesten zählt, das ich je gelesen habe“, sagt Birkeland.
Genau wie das Stück, ist auch Susanne Øglænd zweisprachig. Sie wuchs mit norwegischen Eltern in Deutschland auf, hat eine zeitlang in Norwegen gewohnt und dann in den letzten sieben Jahren in Berlin studiert und gearbeitet. Henrik, lyver du? ist ihre erste Arbeit in Norwegen.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Leonie Wild, 12.11.2006
Mehr Norwegen wagen
Von Bergen nach Berlin: "Henrik, lyver du?" bringt ein Ibsen-Destillat auf die Bühne

Berlin. So mögen sich Dichter ihren Nachruhm vorstellen. Die rumänische Post stiftete Henrik Ibsen eine Briefmarke, bei einem Festival in Bangladesch führten Ensembles aus dem Fernen Osten seine Stücke vor, und "Peer Gynt" lief vor zwei Wochen vor den Pyramiden von Gizeh. Der nach Shakespeare meistgespielte Dramatiker reist um die Welt.
Wenig staatstragend, dafür zweisprachig, kommt "Henrik, lyver du?" daher, eine deutsch-norwegische Kooperation, die nach vier Auftritten in Bergen, Ibsens erster, erfolgsarmer Station als Intendant, nun sechs Auftritte im Berliner "Theaterdiscounter" absolviert. Aus 27 Stücken Ibsens hat Regisseurin Susanne Øglænd fünf Figuren destilliert. Ein norwegisches Ehepaar: Bjarme, der Philosoph, Dina, das Muttchen. Ein deutsches Ehepaar: Tom, der Schwermutsforscher, Hilde, der Vamp. Und "Mann", der namenlose Dichter. Während eines von Verführung, Eifersucht und Zweifeln getränkten Wochenendes in der norwegischen Provinz schleudern sie sich Ibsen-Dialoge an den Kopf und spielen mit Zitaten über den Dramatiker ("sensitiver Dilettant") zur jaulenden Geige (Komposition: Johannes Motschmann).
Wie hoch kann das Vergnügen an einer Aufführung sein, deren halber Inhalt unverstanden bleibt, außer von den jungen Skandinavisten im Publikum? Erstaunlich hoch. "Henrik, lyver du?" ist assoziativ, reibungsvoll, rätselhaft. Ein Beweis für die Kraft des Schauspiels, wenn Sprache auf Klänge reduziert wird.
Bjarme (Anderz Eide), benannt nach Ibsens Pseudonym, kläfft auf allen vieren, schwingt mit lilafarbenem Norwegerpulli im Ikea-Sessel, und was immer er da auf norwegisch schreit und brüllt, der Mann hat auf jeden Fall eine unbändige Kraft. Dina (Cecilie Jørstad), mit seligem Lächeln, Puffärmeln und kleinbürgerlichem Fimmel für Weihnachtssterne, erfüllt das Kindchenschema, und doch gilt auch für sie das Zitat aus der "Wildente": "Nimm einem Menschen seine Lebenslüge, und du nimmst ihm zugleich sein Glück." Im Hintergrund der Kulisse aus schlichter Tafel, Campingstühlen, antiquarischen Büchern im Aquarium macht sich eine Leinwand breit (Video: Kathrin Krottenthaler), die auf die Sprünge hilft, wo die Sprache fehlt: Ein Transvestit schreit von Mutterliebe, ein Clip macht PR für eine Ibsen-Talkshow.
Und der tote Dichter, ist er nun zu "Fusion Food" verkocht, geschmacksneutralisiert ins 21. Jahrhundert überführt, nachdem er ursprünglich doch gegen das Bürgertum des 19. Jahrhunderts schoß? Ibsen lebt weiter. Hilde, der Vamp unserer Tage, spielt mit dem Gewehr - wie die "Hedda" in uns allen.